Die Botschaft der Soldaten

 

Von Dr. Gert Sudholt

„Was hülf‘ mir Kron‘ und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
Es ist leider Krieg -
und ich begehre, nicht schuld daran zu sein!"
(Matthias Claudius (1740-1815)
)

Im Herbst, wenn das Laub fällt…“, versprachen Politiker und Militärs den an die Fronten begeistert ausziehenden Soldaten im August 1914, würden sie wieder zuhause sein und  mit ihren Lieben Weihnachten feiern können. Es kam ganz anders. Im November 1918 kehrten siegreiche Truppen nach Paris und London zurück, während das geschlagene deutsche Heer  sich auf rechtsrheinisches Territorium zurückziehen  musste. Dazwischen lagen vier bittere Jahre, in denen die Jugend Europas sinnlos auf den Schlachtfeldern verblutete. Und vier  eher traurige Weihnachtsfeste. Eine Ausnahme an der Front bildete das erste Weihnachten 1914, als an der Westfront deutsche und britische  Truppen quasi einen zeitweiligen Waffenstillstand schlossen, gemeinsam die festlichen Tage begingen, Fußball spielten und  Getränke und Zigaretten miteinander austauschten.

Auch an der Ostfront fand Weihnachtsfriede statt. Die zeitweiligen Verbrüderungen erinnerten Geschichtskundige an das deutsch-russische Bündnis einhundert Jahre zuvor im Kampf gegen Napoleon.
Die hoffnungsvollen Intermezzi blieben ohne politische Folgen, sieht man von missbilligenden Kommentaren in Regierungs- und obersten Militärkreisen der beteiligten Länder ab. Man befürchtete eine pazifistisch-defätistische Wirkung und sah seine gegen den jeweiligen Feind gerichtete Kriegspropaganda durchlöchert.
Die Oberste Heeresleitung in Deutschland gab Order, Nichts „nach draußen“ verlauten zu lassen. Deutsche Zeitungen - nicht nur kaisertreue - hielten sich daran. Sie verschwiegen diese friedlichen Ereignisse, die gewissermaßen von der Geburt des Friedefürsten vor 2000 Jahren in Bethlehem initiiert worden waren. Hingegen informierten britische und französische Blätter ihre Leser über den Frieden im Krieg.
Rechtzeitig vor dem Weihnachtsfest 1915 erhielten die kämpfenden Truppen den Befehl, solche Waffenstillstände nicht zu wiederholen.
Wer dagegen verstoße, müsse mit Kriegsgerichtsverfahren rechnen. Doch die Erinnerung konnte bis heute nicht ausgelöscht werden:  Im französischen Frelinghien im Département Nord ist kurz vor dem Weihnachtsfest  des Jahres  2008 ein erstes Denkmal zum dortigen Weihnachtsfrieden von 1914 eingeweiht worden. Beteiligt waren an der Zeremonie in der französischen Gemeinde wie vor 100 Jahren deutsche und britische Soldaten. Sie schossen wiederum aufeinander: mit dem Lederball auf das gegnerische Fußballtor.
Was die Soldaten im Ersten Weltkrieg von der Front nach Hause berichteten, sind oft tiefe Gedanken  inmitten des Geschützdonners und verbissener Angriffe. Aus den uns vorliegenden Briefen wird deutlich, dass dieser Krieg, der ein Jahrhundert zurück liegt, der erste voll  industrielle, der erste voll mechanisierte Krieg in der Geschichte war, der nur selten ein Weihnachten, keinen Geburtstag  und kein Ostern kannte. Die ständig weiter entwickelnde Tötungs-Technik  kannte und kennt kein  „Frieden auf Erden“ und keine „Stille Nacht, heilige Nacht“.

Ein Vierteljahrhundert später  begann ein weiteres Völkerringen, was viele   der Überlebenden aus dem „Großen Krieg“, wie der Erste Weltkrieg damals genannt wurde, nicht für möglich gehalten hatten. Die Kriegsbegeisterung  insbesondere auf deutscher Seite war gering. War doch das bittere Kriegsende von 1918, als das Laub auf Millionen Gräber fiel, noch in schmerzender Erinnerung. Der Niederlage im Feld folgte die Niederlage in Versailles. Bürgerkrieg, Heldentwertung, Hungerjahre und Weltwirtschaftskrise schlossen sich an. Hoffnung keimte auf, als eine klare, auf Lebensverbesserung gerichtete Politik mit einer prosperierenden Wirtschaft den fragilen Frieden zu festigen schien. Nach sechs Jahren des Aufbaus wollten die Deutschen in ihrer  Mehrheit ebenso wenig  einen neuen Waffengang wie die Franzosen. Marcel Déats Frage: Mourir pour Danzig? wurde nicht nur Programm beim westlichen Nachbarn. Auch
in England gab es wie in Deutschland  viele Stimmen, die nach der Urkatastrophe  von 1914  einen weiteren  Waffengang ablehnten.
Das einfache Volk macht keine Kriege, es sitzt nicht an den grünen Tischen, an denen Entscheidungen dazu fallen. Es darf  Stimmzettel  in die Wahlurnen für Politiker stecken, die dann Krieg propagieren, es muss um des Lebenserhaltes willen in Konzernen etwa der Rüstungsindustrie arbeiten, die über Krieg und Frieden mitentscheiden, es muss schließlich die Uniform anziehen und in den
Krieg ziehen und darf schließlich sein Leben für die opfern, denen der Krieg wie eine Badekur bekommt und die nie auf einem Schlachtfeld wie etwa Friedrich der Große mit dem Volk gemeinsam gefochten haben. Für die, die nicht wissen, was Krieg bedeutet.
Welch herzzerreißende Ironie: Die Urne am Anfang und am Ende ihres oft kurzen Weges: Die voraussichtliche Lebensdauer eines Leutnant im Fronteinsatz betrug nach statistischen  Berechnungen zehn Tage. Die eines schlichten Soldaten noch weniger. Eine nüchterne Zahl, die  deutlicher als Worte sagt, was es hieß, an der Front zu sein und als  täglichen Begleiter den Tod zu haben.  
Der Kriegsgott war bei den beiden Weltkriegen launischer  als  in vergangenen Zeiten.  In fast allen in dieser Ausgabe veröffentlichten Briefen und Berichten  werden nicht nur persönliche Tapferkeit und Mut sichtbar, sondern auch  Pflicht und Gehorsam.  Gerade  diese Tugenden  zeichneten  deutsche Soldaten des Kaiserreiches und der Deutschen Wehrmacht  aus und werden bis in die Gegenwart  von den meisten  Militärhistorikern der Welt als vorbildlich bezeichnet. Ganz anders  in Deutschland.  Je weniger Kriegsteilnehmer des Zweiten Weltkrieges noch leben, umso teuflischer wird die Generation angegriffen. Der  vielfach bemühte Dank des „Vaterlandes“ kulminiert in  Schimpfwörtern und Verleumdungen wie „Dummköpfe“, „Verbrecher und Mörder“.
Kriegerdenkmäler werden beseitigt, Gräber hochdekorierter Soldaten eingeebnet, stattdessen  werden Ehrenmale en masse für Schuld
und Sühne errichtet.
Diese  Entwicklung  konnten sich die Soldaten in den Weiten Russlands, am Atlantikwall, im hohen Norden oder in der Gotenstellung in Italien, auf den  sieben Weltmeeren oder auch  als Kriegsgefangene in England, den USA oder in Russland nicht vorstellen. Ihre Berichte, auf Weihnachten fixiert, zeugen  vielmehr von einer  Sehnsucht nach  Frieden, Heimat und von dem  Wunsch,  bei den Lieben zuhause zu sein.  In den dunkelsten und kältesten Tagen des Jahres  erwärmten  Grüße und Pakete  von den Familien oder Freunden ihr Herz.   Wenn  wir  Jahrzehnte später nachlesen ,was ihnen ein Tannenzweig aus dem elterlichen  Garten  oder Plätzchen sowie warme Socken, von unbekannter Hand gebacken oder gestrickt,  bedeuteten , dann  wird  uns im konsumfreudigen 21. Jahrhundert  die Schlichtheit  jener entbehrungsreichen Kriegsjahre  bewusst. Sie ist für Nachgeborene kaum noch nachvollziehbar. Uns Heutigen fällt es schwer, sich in jene Zeit  eines erbarmungslosen  Ringens  mit Dauer-Lebensgefahr zu versetzen, wenn wir durch hell erleuchtete Straßen gehen, wenn wir bereits im September in den Discounterläden mit Angeboten wie Gebäck oder Weihnachts-Tand  überfüttert werden. Mit solchem Übermaß  verkommt diese „stille Zeit“ zum Jahrmarkt  nicht nur der Eitelkeiten, sondern vor allem des Kapitals und gieriger  Geschäftemacherei. Motto: Süßer die Kassen nie klingeln. Ergänztes Motto: Außer zur Kriegszeit…
Der Rückblick auf die Weihnachtstage  in den Kriegen des  vorigen Jahrhunderts vermittelt für die gegenwärtige Spaß- und Konsum-Gesellschaft eine ernste Mahnung. Sie  fordert auf  zur Rückbesinnung auf Heimatliebe, Familie und Gemeinschaft, ferner auf Bescheidenheit, die  durch  äußeren Luxus und innere Oberflächlichkeit verlorengegangen zu sein scheint.  In einer Epoche des Überflusses, die wohl  längst ihren Höhepunkt überschritten   haben dürfte, ist es klug, sich auf jene bleibenden Werte und Tugenden zu besinnen.
Zu den frühesten  Erinnerungen des Verfassers zählen die ersten Weihnachten nach dem Ende der menschenmordenden Katastrophe 1945, als  eine Apfelsine als Weihnachtsüberraschung unter dem  eigenhändig vom ältesten Bruder  im Wald geschnittenen Christbaum bestaunt wurde. Mutter und Großmutter stellten die blauen  Kerzen des Heimkehrerverbandes ins Fenster. Sie leuchteten für die noch immer gefangenen Soldaten in den Lagern in Ost und West  und für all jene, die  für immer „draußen“ geblieben waren.
Weihnachten galt als das „deutscheste“ Fest; die Briefe und Erinnerungen der Soldaten  aus  den beiden Kriegen sind eine bleibende Botschaft an den hohen Wert des ihnen Verlorengegangenen.

„Ich sah die Friedensgöttin
niedersteigen,
sie streute Blumen aus und Ährengold,
dem Donnergott des Kriegs
gebot sie Schweigen.
Still wurde es – es hatte ausgegrollt.
Sie sprach: „Franzosen, Russen,
Deutschen, Briten!
Gleich tapfer kämpfte jeder
für sein Land!
Schließt einen Bund, den Friede
n nun zu hüten!
Reicht, Völker, Euch die Hand!"

Pierre-Jean de Béranger (1780-1857)

Leitartikel aus: DEUTSCHE GESCHICHTE Sonderheft 3/2014

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