Warum uns Bismarck fehlt

Von Dr. Gert Sudholt

„Ich kann versichern, die Politik ist keine Wissenschaft, die man lernen kann, sie ist eine Kunst, und wer sie nicht kann, der bleibt besser davon.  (Bismarck am 29. Januar 1886 vor dem Preußischen Landtag)

Der seinerzeitige Kanzleramtsminister der ersten Regierung Brandt, Professor Horst Ehmke, antwortete einst auf eine Journalistenfrage anlässlich des 100.Jahrestages der Reichsgründung: „An Bismarck erinnert nichts mehr, außer der Bismarckhering.“ Heute fragt man: Wer war Horst Ehmke?
Otto von Bismarck jedoch  steht in diesem Jahr im Zentrum historischer und politischer Erinnerungskultur. Sein 200.Geburtstag  wird zum Anlass genommen, diese außergewöhnliche Persönlichkeit  zu würdigen oder „politisch-korrekt“ ins gängige politische Bild zu pressen, also mit Schmutz zu bewerfen.
Dieser Urpreuße wuchs  noch im geistigen Umfeld  der Befreiungskriege auf. Friedrich Schleiermacher war sein Religionslehrer und hat ihn eingesegnet. In der Welt der Göttinger Studentenverbindungen wie dem Corps Hannovera, der er angehörte, wehte  ein Wind von Freiheit und Einheitssehnsucht, die der Wiener Kongress den Deutschen versagt hatte.. Aber schon im Vormärz war der Wille zu einer Einheit der Deutschen  stark ausgeprägt, fand  in der Paulskirche 1848/49 einen vorläufigen Höhepunkt. Dort freilich lehnte der preußische König Friedrich Wilhelm IV.  die ihm von der Frankfurter Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone ab. Damit scheiterte die vom ersten gesamtdeutschen Parlament am 28. März in Kraft gesetzte Reichsverfassung. Die Revolution „von unten“ war gescheitert.
Aufmerksam verfolgte der damals 33jährige Bismarck diese Entwicklung. Als er bald darauf preußischer Gesandter  beim Deutschen Bund in Frankfurt wurde,  lag ihm daran, Preußen auf eine Ebene mit dem  dominierenden österreichischen Kaiserreich zu stellen, das keine gesamtdeutschen Reichsinteressen, sondern vorrangig die Interessen des Hauses Habsburg verfolgte. In jenen Jahren wuchs die Überzeugung, dass eine kleindeutsche Einheit am ehesten unter  Ausschluss  Österreichs erfolgen könnte, auch aus Gründen des europäischen Gleichgewichts. Die Einigungskriege 1864/1866 und 1870/ 71 drängten zunächst Österreich aus dem Mitteleuropäischen Raum, stürzten das zweite Kaiserreich der Bonapartes und vollendeten den Traum von der Einheit der Deutschen am 18. Januar im Spiegelsaal von Versailles. Was 1848 vergeblich  in Frankfurt angedacht worden war, wurde von den Fürsten 1871 mit Bismarck an der Spitze  im Spiegelsaal von Versailles glanzvoll vollendet. Der geschickte Frieden von Nikolsburg 1866 wies Österreich eine neue Aufgabe insbesondere auf dem Balkan zu.  Gleichzeitig begann eine Europäische Friedensepoche von über vier Jahrzehnten, die  erst durch die Schüsse von Sarajevo im Sommer 1914 tragisch beendet wurde.
Der bis dahin oft geschmähte  preußische Ministerpräsident und Kanzler des Norddeutschen Bundes wurde nach 1871 von seinen Deutschen verehrt und nicht selten geliebt. Ihm war gelungen, was seit 1806  auf der Tagesordnung stand: die Wiederaufrichtung eines Reiches fast aller Deutschen. Draußen mussten nach seiner Ansicht jene Landsleute zwischen Bodensee und Neusiedlersee bleiben. Es war das und blieb das deutsche Kernland des Habsburger Kaiserreiches. Bismarck war es gelungen 1870/71 ein Reich auf föderaler Ebene zu errichten. Bewusst verzichtete er auf die Bildung eines Zentralstaates, der gegen den Widerstand der Fürsten nicht durchzusetzen gewesen wäre. Damit berücksichtigte er vor allem die Wünsche der süddeutschen Staaten, allen voran Bayerns. Später hat er einmal gesagt, er habe  von dem   bayerischen König Ludwig II.  den Föderalismus gelernt. Davon unberührt blieb z. B. die Einführung einer einheitlichen Währung, die einheitliche Gesetzgebung, insbesondere der Reichsverfassung, der vorbildlichen Sozialgesetzgebung oder die Gesetze zur Unfallverhütung.
Diese Zusammenfassung der Deutschen und ihrer Länder  zu einem Staatswesen hätte bei späteren Zusammenschlüssen  Vorbildcharakter haben können. Sowohl 1935 bei der Rückführung der Saar als auch 1938 beim Anschluss Österreichs und der Angliederung des Sudetenlandes kann man im Rückblick auf die damaligen Ereignisse diese Umsicht nicht feststellen. Möglicherweise ließ das von der deutschen Führung erkannte knappe Zeitfenster eine auf
lange Fristen ausgelegte  Lösung nicht zu.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Wiederherstellung einer beschränkten Staatlichkeit in Bonn und Ostberlin entstand in Sachen Einheit eine grundsätzlich neue Situation. Hatten  in den 20er und 30er Jahren
alle Regierungen welcher politischen Richtung auch immer  sogar leidenschaftlich für den Zusammenschluss aller Deutschen  — einschließlich Wiens — geworben und immer drängender eingefordert, änderte sich diese Haltung. Der Ruf nach deutscher Einheit verkam auf beiden Seiten zur Floskel. Als die Frage einer Rückkehr der Saar 1955  zur Bundesrepublik Deutschland endlich auf der politischen Tagesordnung stand, forderte Adenauer von den Saarländern, sie sollten für Frankreich stimmen. Dass die Saarländer  den Rhöndorfer Rosenzüchter schließlich doch noch ausmanövrierten, dafür sollte man ihnen noch heute dankbar sein. Wer in diesem Zusammenhang an die Adenauersche Politik denkt, wird an das Bismarck-Wort vom 16. Januar 1874 in der 2. Kammer des preußischen Landtages erinnert: „Ich habe  niemals irgendjemand die Abtretung auch nur eines Dorfes oder eines Kleefeldes zugesichert oder in Aussicht gestellt. Alles — , was darüber zirkuliert und behauptet wird, erkläre ich in seinem ganzen Umfange für …eine dreiste tendenziöse Lüge…“
In der zweiten Hälfte der 80er Jahre bahnte sich der politische und wirtschaftliche Kollaps zwischen Elbe und Oder an. Dennoch erklärten alle bundesrepublikanischen  damaligen Regierungs- und Oppositionsparteien unisono, eine Wiedervereinigung stünde nicht  zur Debatte. Das geschah, obwohl man jahrzehntelang in geheuchelten Sonntagsreden  den Wunsch nach Wiedervereinigung beschworen und mit der Monotonie tibetanischer Gebetsmühlen behauptet hatte, in den Schreibtischen  der Verantwortlichen lägen fertige Pläne für diesen „Glücksfall“. Dass dem nicht so  war, stellte sich  im Herbst 1989 heraus. Im beschaulichen Bonn  hatte man  es sich nach Biedermeiermanier bequem gemacht. Man tat sich lieber an Spaghetti Carbonara und Pfälzer Zipfel gütlich, als  sich mit der Lösung der Deutschen Frage zu beschäftigen.  
Und als plötzlich durch die politisch-ökonomische Niederlage des Sowjetimperiums möglich wurde, wurde auch der bundesdeutsche Kanzler auf seine Weise mobil. Statt dass sich der ausgebildete Historiker an  Bismarck orientierte und den Zusammenschluss  entschlossen und dennoch umsichtig, vollzogen hätte, zerstörte er in brutaler Manchester-Kapitalismus-Manier die Wirtschaftskraft und damit die Zukunftsfähigkeit des Beitrittsgebietes.
Was vor einem Vierteljahrhundert geschah, war nicht Politik im Bismarck‘schen Sinn sondern Flickwerk und — was zumeist übersehen bzw. verschwiegen wird — bewusster Verzicht auf staatliche Souveränität des geeinten Deutschland. Kohl und Co. ließen über die Medien gewaltig den Mantel der Geschichte rauschen, zwängten sich durch vermeintliche Zeitfenster  und sahen geflissentlich in jenen inhaltschwangeren Monaten an der einzigartigen Souveränitäts-Chance vorbei: Die alliierten Vorbehalte bestehen nach wie vor, ein Friedensvertrag steht weiter aus, und in der UNO fällt Deutschland unverändert seit 1945 unter die Feindstaatenklausel
Um das Fass zum Überlaufen zu bringen,  sollen Kohl und Genscher bei den Vier+Zwei Verhandlungen, so eine  sowjetische Quelle, auf das Angebot  Gorbatschows verzichtet haben, die deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße zurück zu erhalten. Gorbatschow sei ob dieser Eselei wie vor den Kopf geschlagen gewesen. Man erinnert sich an ein Bismarck-Wort aus dem Jahr 1895, als er vor einer Abordnung des Verbandes Alter Corpsstudenten  feststellte: „Ein Deutscher, der sein Vaterland abstreift wie einen alten Rock, ist für mich kein Deutscher mehr, ich habe kein landsmannschaftliches Interesse mehr für ihn.“
Die Folgen der aus dem Ärmel geschüttelten Kohl’schen  Wiedervereinigungspolitik wiegen schwer. Wenn man das Überstülpen der längst rissig gewordenen Strukturen der Alt-Bundesrepublik über das Beitrittsland überhaupt als Politik bezeichnen will und kann. Im Schielen auf schnellen ökonomischen Gewinn, der die Alt-Bundesrepublik aus der Rezession riss, ging jeder Blick auf eine Neugestaltung des neuen Deutschland verloren. Als ein Beispiel sei die mit vielen Hemmnissen beladene Föderalstruktur erwähnt. Unter diesem Gesichtspunkt ist tatsächlich die derzeitige Bundeskanzlerin „Kohls Mädchen“. Sie wurstelt wie er weiter, was als sachbezogene Politik bezeichnet wird. Keine Spur auch nur von einer Vision für Deutschland, wie sie Bismarck hatte und umsetzte. Darüber täuschen auch pseudo-philosophische Alltags- und Sonntagsreden aus dem Schloss Bellevue nicht hinweg.
Wer nach  politischen Vorbildern sucht, wird in  unserer Geschichte nur wenige Persönlichkeiten finden, die mit Augenmaß, Zurückhaltung und Beharrlichkeit ihre Ziele verfolgten. Bismarck ist eine seltene Ausnahme. Als ein Mann, der sich weniger von Gefühlen, als vielmehr von der ratio leiten ließ,  gelang es ihm nicht nur das Zweite Kaiserreich in Versailles auszurufen, sondern auch   in Europa  eine Epoche des Friedens durchzusetzen. Dass ihm die Zeitläufte erlaubten, als Schiedsrichter Europas während des Berliner Kongresses aufzutreten — er leitete den Kongress fließend in vier Sprachen —, zählt gewiss zu den  bleibenden Höhepunkten dieses Mannes, der einmal sagte, er sei in seinem Leben vielleicht 24 Stunden glücklich gewesen.
In Sachen „Neues Deutschland“ wie für die Einigung Europas mag die Jagd verloren zu sein scheinen, auch wenn es nie zu spät ist, Richtiges zu tun.  Wer jedoch das Wort einer europäischen Einigungspolitik im Munde führt, sollte  die Reichsbildung  von 1871 sorgfältig  studieren. Dort finden sich kluge Ansätze für  eine andere europäische  Politik. Diese sollte sich von einem anderen Bismarckwort leiten lassen: „Durch Liebenswürdigkeiten und wirtschaftliche Trinkgelder für befreundete  Mächte werden wir den Gefahren, die im Schoße der Zukunft liegen, nicht vorbeugen, sondern die Begehrlichkeit unsrer einstweiligen Freude und ihre Rechnung auf unser Gefühl sorgenvoller Bedürftigkeit nur steigern.“
Die deutsche Europapolitik  steht seit den ersten Anfängen in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in krassem Gegensatz zu dieser Maxime. Fehlendes Selbstbewusstsein gegenüber dem weltbeherrschenden großen Bruder, ausgeprägtes Lobby-Interessendenken und mangelnder Weitblick der politischen Dilettanten Europas  haben das hehre Ziel einer europäischen Einigung in die Krise geführt. Dieses Dilemma hat Bismarck vor über einem Jahrhundert treffend vorausgesagt:  „Politik erfordert vor allem  die Fähigkeit, in jeder neuen Situation zu erkennen, wohin der richtige Weg geht. Der Staatsmann muss die Dinge rechtzeitig herannahen sehen und sich darauf einrichten. Versäumt er das, so kommt er mit seinen Maßregeln  meistens zu spät. Ist der Zug über die falsche Weiche  hinaus, und auf die schiefe Ebene geraten, sind die Bremsschrauben gelöst, so wird keine Gewalt ihn  mehr vor dem Zerschellen bewahren.“

„Ich habe das Wort Europa immer im Munde derjenigen Politiker gefunden, die von anderen Mächten etwas verlangten, was sie im eigenen Namen nicht zu fordern wagten.“ ( Bismarck  1876 gegenüber Kaiser Wilhelm I.)

Leitartikel aus: DEUTSCHE GESCHICHTE Sonderheft 1/2015

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