Mit Rußland in die Welt von Morgen

Von Dr. Gert Sudholt

„Mit Russland hätten seine Majestät gute Freundschaft und Harmonie zu halten jederzeit gesucht. Sie empfehlen diese auch dem Kronprinzen, da in einem Krieg mit Rußland sehr viel zu riskieren, aber nichts von ihm zu gewinnen wäre… . 
(Friedrich Wilhelm I. an seinen Nachfolger Friedrich 1740)

Seit Ende des Krieges vor mehr als 70 Jahren wird den Deutschen die Beschäftigung mit der 1000jährigen Geschichte ihres Landes vergällt, indem sie aus politischen Gründen vor allem auf die Jahre 1933 bis 1945 reduziert wird. Geschichtsschreibung war schon immer eine schwierige Materie, die sich dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen hatte. Schon Friedrich der Große mußte 1775 das Ergebnis beklagen: „Die meisten unserer Geschichtswerke sind zusammengestoppelte Lügen, mit einigen Wahrheiten untermischt.“

Beobachtet man über  einen längeren Zeitraum  die Irrwege, die unsere angepassten Historiker gemacht haben  und immer wieder machen, dann wundert nicht, dass die allgemeine Bereitschaft, sich mit diesem Thema zu befassen, gegen Null geht. Selbst die geradezu peinlichen Versuche, mit Adolf Hitler als negativem Superstar der Medienwelt unserer Jahrzehnte zu punkten, sind angesichts ständiger Wiederholungen und oberlehrerhafter Belehrungsmanie  auch bei den Geduldigsten zum Scheitern verurteilt. Nur noch wenige solide Arbeiten erscheinen in unserer Muttersprache, die es wagen, geschichtliche Ereignisse, historische Persönlichkeiten  oder umstrittene Probleme anders als im vorgegebenen Inhalt und in bunter Feature-Manier darzustellen. Das ist ein Verzicht auf  historische, politische und geistige Eigenständigkeit, der seine logische  Entsprechung in einer erschreckenden Verflachung politischer Debatten findet. Statt eines vernünftigen Historismus erleben wir einen  penetranten Soziologismus, der  zum Beispiel auch dazu geführt hat, dass es in Deutschland nur noch einen – weitgehend von der Bundeswehr geförderten – Lehrstuhl für Militärgeschichte gibt. Nicht einmal an den Bundeswehrhochschulen selbst wird dieses Fach gelehrt. Stattdessen  wird das Gemeinwesen — mehr  Wirtschaftsgemeinschaft, denn Nation — vornehmlich auf das Materielle und Kommerzielle gerichtet. Das praktizieren alle politischen Lager, gelegentlich sogar in recht entwürdigender Form, verstärkt im letzten Vierteljahrhundert. Unaufhaltsam breitet sich Gleichförmigkeit aus.

Im Grunde ist das alles wenig erstaunlich. Die  Flucht der Deutschen aus ihrer Geschichte schien da ein bequemer Ausweg zu sein. Je nach politischer Ausrichtung hatten sich die siegreichen Alliierten die Umerziehung der Deutschen auf die Fahnen geschrieben: Wollten die einen lupenreine Demokraten US-amerikanischen Zuschnitts  klonen, sollten die anderen kleine Lenins und Stalins werden. Konsequent forderten sie Gewissenserforschung mit vorgegebenem Ziel und mindestens  Buße und Sühne und Sühne bis in siebte Glied, in welcher Form auch immer. „Heil dir im Siegerkranz“ machte dem „Vae Victis!“ Platz, aufrechter Gang dem Kotau. In dieser Hinsicht lassen und ließen subordiniert-opportunistische deutsche Schriftsteller und Geschichtsforscher nichts aus. Pflichteifrig schrieben sie auf, was unser Volk belasten konnte. Etwa die Haupt- und Alleinschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges und an der Zerstörung des alten Europa mit seinen fünf  Großmächten. Ergeben folgten sie den Aussagen des Teufelspaktes  von Versailles.   Inzwischen ist diese These freilich vor allem von nichtdeutschen (!) Historikern als unrichtig entlarvt worden. Das aber ficht etablierte akademische Lehrer an deutschen Universitäten nicht an. Sie faseln immer weiter von vermeintlicher deutscher  Erbsünde, sofern sie sich überhaupt noch mit deutscher Geschichte befassen. Blickt man in die Vorlesungsverzeichnisse, spürt man die Angst zahlreicher Professoren vor antifaschistischem Denunziantentum und Angriffen, die oft genug mit medialer Unterstützung erfolgen. Daher  wählen sie immer häufiger geradezu abstruse Themen, die von Bund und  Ländern  kräftig bezuschusst werden, weil sie an Kernpunkten vorbeigehen, wie man sie beispielsweise in Ausgaben von DEUTSCHE GESCHICHTE behandelt. Es hat den Anschein, als sollten nun willige Deutsche den Deutschen das Wissen um die Breite der eigenen Geschichte austreiben.

An dieser wachsenden Einseitigkeit litt und leidet  vor allem das Verständnis für die deutsch-russischen Beziehungen. Die langen Perioden fruchtbarer deutsch-russischer Kooperation wurden aus Geschichtsbüchern ausradiert und damit aus dem  kollektiven  Gedächtnis gelöscht. Dieser Wandel, der spätestens mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges einsetzte, wurde durch die russischen Revolutionen von 1917, den Bürgerkrieg zwischen Weiß und Rot, den Interventionskriegen 1918 bis 1920 gegen das revolutionäre Russland  sowie den  neuen Krieg ab 1941 mit seinen Schlachten, den Schrecken der Eroberung und Besetzung Deutschlands sowie dem  harten Schicksal der Abertausenden Kriegsgefangenen bestimmt. In jenen Jahren wurden sowohl dem russischen als auch im deutschen Volk tiefe Wunden geschlagen, die noch immer nicht ganz vernarbt sind. Die seit beinahe einem Jahrhundert bestehende russlandkritische Haltung des Westens führte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges (Churchill: Wir haben das falsche Schwein geschlachtet!“) zur bis heute betriebenen Konfrontation zwischen Ost und West. Neben politisch-ideologischen Gegensätzen, spielten und spielen die unermesslichen Bodenschätze und der riesige Absatzmarkt eine treibende Rolle. Von Russland, der Sowjetunion und wieder Russland hörte, sah und las man fast nur Negativa. Wer versucht, ein  anderes Bild von  Rußland und seinen Menschen möglichst unmittelbar und ohne  ideologische Verzerrungen zu zeichnen, wird in aller Regel von  der etablierten Politik und  ihren Medien an den Pranger gestellt. Der Anti-Russismus entsprach ganz hervorragend den  Erfordernissen des Kalten Krieges. Heute dient er der Diskriminierung  eines Staates und seines Präsidenten, der sich zunehmend zum  bewahrenden Gegenpol einer globalisierten Welt entwickelt.

Dieser Anti-Russismus, gefördert von der westlichen »Wertegemeinschaft«, hat letztendlich  dazu geführt, dass das traditionelle Bild der Deutschen  von Russland, seinen Menschen und unseren Beziehungen zu diesem Land allmählich im Dunkelgrau der jüngeren Vergangenheit versunken ist. Was die deutsch-russischen Beziehungen betrifft, so wächst  mit dem Abstand der Jahre die Gefahr, in die Irre geführt zu werden; dies umso mehr, da weder Historiker noch Medien, geschweige denn Politiker in Verantwortung ein korrektes Bild früherer Perioden gezeichnet haben, noch die Fakten des 20.Jahrhunderts ohne Schaum vor dem Mund wiederzugeben willens sind. Da war und ist  man — um es einmal zurückhaltend zu formulieren — sehr einseitig.  Der Kampfbegriff „Putin-Versteher“ spricht Bände.

Nur gelegentlich ließ Staatsräson Offenheit und  Wahrheit zu; nicht selten waren Staatsräson und dynastische Interessen deckungsgleich. Das Haus Hohenzollern etwa verdankte seine Rettung und seine Erhöhung in kritischen Abschnitten  seiner Geschichte der Petersburger Politik. Sein Selbstbewusstsein hätte mit Sicherheit erhebliche Kratzer bekommen, wenn der tatsächliche Gang der Handlung publik geworden wäre. Man beschwieg sie. Gerne wird auch die klägliche Rolle der süd- und südwestdeutschen Landesfürsten während der napoleonischen Epoche kaschiert. Nicht wenige Politiker und Unternehmer im preußischen Kernland Brandenburg biederten sich den französischen Besatzern an und standen gegen die Russen. Die entscheidende Rolle Zar Alexanders I. — mit Louise von Baden verheiratet — wird ebenso unterdrückt wie die Tatsache, dass seine Truppen den Löwenanteil an der Befreiung von der französischen Herrschaft hatten. Die wechselseitige Unterstützung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte ihre Vertrauensgrundlage in jenen Jahren und reichte über den Krimkrieg, die Reichsgründung bis zum Berliner Kongress 1878. Hier wurden  erste Risse  sichtbar. Ein heraufziehender  Nationalismus in seiner aggressivsten Form läutete eine Neuorientierung Russlands ein, die dann  in der  Bildung einer französisch-russischen Allianz einen  für das Deutsche Reich tragischen Höhepunkt fand und letztendlich in der Zerstörung des alten Europas  mit seinen fünf Großmächten  gipfelte.

Nun sind die Habsburger, die Hohenzollern, die Romanows, die Savoyer nicht mehr. Die Windsors führen ein Schattendasein, des Zaren Traum von der Eroberung Konstantinopels ist ebenso ausgeträumt wie der Wunsch  Frankreichs, der Rhein könne die Grenze zu Deutschland werden. Die Sowjetunion hat sich aufgelöst, und nach einem Jahrzehnt der Entideologisierung feiert der flächenmäßig größte Staat der Erde als wiedergeborener seine Rückkehr  in das Konzert der entscheidenden Mächte.
In diesem Zeitfenster hätte sich das Feindbild der von den USA geführten Atlantischen Allianz ändern können. Hatte schon Michael Gorbatschow  von einem  »Gemeinsamen Haus Europa« gesprochen, streckte der Nachfolger des indiskutablen Jelzin  insbesondere den europäischen Staaten, vor allem aber Deutschland, die Hand zu politischer, wirtschaftlicher und kultureller  Zusammenarbeit entgegen. Mit der Abkehr von der unseligen Jalta- und Potsdam-Politik entstand eine entscheidende Triebkraft der Beendigung des Kalten Krieges und damit für die Vereinigung der Deutschen am Ausgang des 20. Jahrhunderts. Moskau hatte seinen deutschen Kriegsgewinn DDR aufgegeben und hoffte auf einen Neuanfang mit einem neuen, selbstbestimmten Deutschland. Am 13. Juni 1989 betonten der Bundeskanzler Helmut Kohl und der sowjetische Staatschef Michael Gorbatschow in einer gemeinsamen Erklärung, ein »Verhältnis guter und verlässlicher  Nachbarschaft dauerhaft zu begründen«, bei dem sie an die guten Traditionen ihrer jahrhundertelangen Geschichte anknüpfen wollten.

Dabei war diese Erinnerung an gemeinsame Traditionen   sogar noch eine diplomatische Untertreibung. Ein Grund mehr, an das weite Feld dieser  Zusammenarbeit in historischen Skizzen zu erinnern.  Die Grundlagen preußisch-russischer Freundschaft reichen zurück bis zu Peter dem Großen (1672-1725). Bis zu jenem Augenblick also, in dem Rußland zum ersten Mal die europäische Bühne betrat. Bis zur Schwelle des 20. Jahrhunderts wurde sie nur einmal durch jenes konfuse Zwischenspiel während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) durchbrochen. Vielleicht wäre beiden Staaten viel Unheil und unnötiges Blutvergießen erspart worden, wenn  nicht an der Leichtfertigkeit und übertriebenen Selbstbestätigung des jungen Kaisers Wilhelm II. 1890 die Verlängerung  des Rückversicherungsvertrags gescheitert wäre.
Auch wenn Politik nur  Interessen, aber keine Dankbarkeit kennt, wird es die Vernunft gebieten, dass ein selbständiges und selbstbewusstes Deutschland wieder zu einem guten Verhältnis zu Moskau findet. Michael Gorbatschow hat mehrfach vom »Gemeinsamen Haus Europa«  gesprochen. Er drückte mit anderen Worten aus, was der  französische Staatspräsident Charles de Gaulle  einst prophetisch und doch wirklichkeitsnah  forderte: ein Europa vom Atlantik bis zum Ural. Dem aber steht im Blick auf Russland die UN-Feindstaatenklausel entgegen, der Deutschland entgegen eigenen Interessen folgt. Noch.

„Nie wird Preußen vergessen, dass es Ihnen verdankt, dass der Krieg nicht äußerste Dimensionen angenommen hat. Gott segne Sie dafür - Ihr fürs Leben dankbarer Wilhelm. “
(Kaiser Wilhelm I. an Zar Alexander II. am 28. Februar 1871)

Leitartikel aus: DEUTSCHE GESCHICHTE Sonderheft 2/2016

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